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Vortragsveranstaltung der Wirtschaftsjunioren Karlsruhe  

Braun gebrannt, groß gewachsen, schlank und durchtrainiert: Michael Groß sieht immer noch aus, als könne er es jederzeit mit den besten Schwimmern der Welt aufnehmen. Dabei sind die Glanzzeiten des dreifachen Olympiasiegers über 20 Jahre her und schon längst hat er sich als Unternehmensberater und Referent zu Wirtschaftsthemen einen Namen gemacht. Seine Vorträge sind gefragt, und mit der Ausstrahlung eines ehemaligen Weltklasseathleten zieht der 2,01 Meter große 46-jährige die Zuhörer in seinen Bann. So auch bei der S&G Automobil Aktiengesellschaft in Knielingen, wo Groß auf Einladung der Wirtschaftsjunioren Karlsruhe über Motivationsstrategien in einem Unternehmen referierte.

Dabei ist für den ehemaligen Spitzensportler klar: „Motivation ist die Summe aus mehreren Faktoren.“ Am wichtigsten dabei sei es, sich realistische Ziele zu setzen. „Mit zehn Jahren habe ich nicht an die Olympischen Spiele gedacht. Da wollte ich die Hessenmeisterschaft gewinnen“, wirft Groß einen Blick zurück in die eigene Erfolgsgeschichte. Hessenmeister ist er geworden, später noch Europameister, Weltmeister und Olympiasieger. „Wer alle seine Ziele erreicht, hat sie vielleicht nicht hoch genug gesetzt“, philosophiert Groß.


v.l. Dr. Michael Groß, Jan Hollmann (Wirtschaftsjunioren Vorsitzender) und Wolfgang Ritz (Vorstand der S&G Automobil Aktiengesellschaft)

Für ihn persönlich gab es im Leben nach dem Schwimmsport sofort neue Herausforderungen, nach dem Karriere-Ende 1991 habe er zunächst einmal „die Dissertation beendet“. Denn Groß hatte parallel zu seinen sportlichen Höhenflügen sein Studium in den Fächern Germanistik und Politologie vorangetrieben. Das Leben neben dem Sport war ihm ohnehin stets ein Stück weit wichtiger als das Schwimmen. „Meine Eltern haben gesagt, ich darf solange schwimmen, wie ich die Schule nicht schleifen lasse“, erinnert sich Groß. Er hat dieses Credo verinnerlicht und ist sich trotz aller Versuchungen stets treu geblieben. Selbst als der vierfache Sportler des Jahres zum von den Medien gefeierten Volkshelden avancierte und auf Augenhöhe mit Stars wie Boris Becker war, empfand er die übersteigerte Aufmerksamkeit eher als unangenehm. Mitte der 80er Jahre habe er „beinahe abweisend“ auf Medienanfragen reagiert. „Das war eine Art Schutzreflex“, meint Groß heute.

Bedauert habe er diese Haltung nicht, in der Scheinwelt der Stars und Sternchen fühlte er sich ohnehin unwohl, sein eigenes soziales Umfeld war ihm wichtiger. „Mit den Freunden um die Häuser ziehen, eine Runde Skat spielen oder mit der Frau in die Berge fahren: Das sind Dinge, die man sich nicht kaufen kann“, legt der zweifache Vater seine Prioritäten fest. Einmal besuchte er Steffi Graf in Brühl und war erschrocken über „den goldenen Käfig“, in dem die Tennisspielerin lebte.
Viel öfter war der damalige Weltklasseschwimmer allerdings in Karlsruhe. „Im Fächerbad und der Sportschule Schöneck gab es die idealen Bedingungen für unsere Trainingslager“, so Groß. Die Zeit neben dem „Kachelnzählen“, in der Waldstadt habe er dann vor allem zu Ausflügen an die Baggerseen in der Region und zum Bummeln in der Innenstadt genutzt. Und auch für die Qualifikation zur Weltmeisterschaft 1986 war das Fächerbad für Groß ein gutes Omen.

Das war zwei Jahre nach seinem begeisternden Auftritt bei den Olympischen Spielen von Los Angeles, als ihm Moderator Jörg Wontorra mit der frenetischen Anfeuerung „Flieg, Albatros,
flieg“ ein mediales Denkmal gesetzt hatte. „Der Jörg hat den Ausspruch damals von einem französischen Journalisten geklaut. Und das Rennen habe ich nicht einmal gewonnen“, erzählt Groß mit einem Schmunzeln. Die damals erlittene Scharte der Niederlage über seine Paradedisziplin 200 Meter Schmetterling hat er vier Jahre später mit Olympiagold mehr als ausgewetzt. Und über diese Strecke hält er sogar heute noch den Deutschen Rekord. Wenn es um die aktuelle Situation des Schwimmsports geht, wird er nachdenklich. Tauschen möchte er nicht. Dopingdiskussionen und ein zeitweise zur Materialschlacht mit High-Tech-Anzügen mutierter Schwimmsport würden zu Michael Groß ohnehin nicht passen.

Quelle: BNN vom 28.10.2010